Grätzlgeschichten

30 | Margarete Schütte-Lihotzky: Architektur als Widerstand und soziales Engagement

Stadt Wien

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Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000) war weit mehr als nur die Erfinderin der weltberühmten Frankfurter Küche. Als erste Frau in Österreich, die den Architekturberuf umfassend ausübte, widmete sie ihr Schaffen dem Ziel, den Alltag von Arbeiter*innen, Frauen und Kindern durch funktionale und soziale Gestaltung zu verbessern.

In dieser Folge der Grätzelgeschichten beleuchten Andreas und Walter ein Leben, das ein ganzes Jahrhundert österreichischer Geschichte widerspiegelt. Der Bogen spannt sich von den innovativen Wohnbauprogrammen des „Roten Wien“ über ihre Arbeit in der Sowjetunion und der Türkei bis hin zu ihrem lebensgefährlichen Einsatz im kommunistischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, für den sie jahrelang in Haft saß.

Wir diskutieren, warum diese Pionierin in ihrer Heimat Wien trotz internationaler Anerkennung lange Zeit politisch ausgegrenzt wurde und erst sehr spät die verdienten Ehrungen erhielt. Heute dient ihre ehemalige Wohnung im 5. Bezirk als Museum und Forschungsort, um ihr Erbe als Ikone des sozialen Bauens und der feministischen Stadtplanung lebendig zu halten. Tauchen Sie mit uns ein in die Geschichte einer Frau, die bewies, dass Architektur immer auch ein Entwurf der Gesellschaft ist.

Mehr Wiener Geschichte findet ihr im Wien Geschichte Wiki. Andreas und Walter könnt ihr außerdem in der Geschichtsgreißlerei hören.

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Andreas (Host) 

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Grätzelgeschichten. Es begrüßen euch Andreas und... 


Walter (Host) 

Walter. 


Andreas (Host) 

Walter, heute habe ich wieder mal einen Ort mitgebracht. Und es sind ja nicht immer die bekanntesten oder glanzvollsten Orte, die wir jetzt da in dem Podcast besuchen wollen. So ist es auch manchmal ein ganz unscheinbares Denkmal, wie zum Beispiel die Gedenktafel für Margarete Schütte-Lihotzky an einem auf den ersten Blick nicht besonders auffälligen Gemeindebau in der Donaufelder Straße in Floridsdorf, was ich heute mitgebracht habe. Dort, auf dieser Gedenktafel, steht Folgendes: Margarete Schütte-Lihotzky, 1897 in Wien geboren, war die erste Architektin Österreichs. Architektur als sozial gebautes Engagement stellt den Rahmen ihrer Tätigkeit dar. Die Bedeutung ihrer Architektur liegt im Gebrauchswert, im Suchen nach funktionaler und formal einfachen Lösungen. Und ich finde, das klingt sehr schön. Und bemerkenswert ist ja an dem Ensemble, dieser Gemeindebau und soziale Wohnbau, also es ist eine ganze Wohnhausanlage, mit dem Namen Frauenwerkstatt, aber dass es europaweit als eines der größten Projekte gilt, das die vielschichtigen Kriterien des frauengerechten Wohn- und Städtebaus zu erfüllen getrachtet hat. Das Projekt fungiert quasi modellhaft als Katalysator der Frauenförderung im Planungsbereich. Und wie wir wissen, Stadtentwicklung und Städteplanung ist ja lang und oft von Männern dominiert. Und hier ging es eben darum, auch frauengerechte Strukturen einzuführen. Und auch ganz spannend, also folgend auf diesen Wohnbau da im 21. Bezirk in der Donaufelder Straße, ist es auch so, dass in Wien seither sämtliche Wohnbauvorhaben, die öffentliche Gelder beanspruchen wollen, auf die Anforderungen des Frauen- und alltagsgerechten Wohnens hin begutachtet werden. Und deswegen habe ich mir gedacht, ist nicht unspannend, hier auszugehen. Es gibt aber auch noch einen anderen Ort, den wir dann in unseren Tipps am Ende auch noch mal genauer vorstellen werden, den ich jetzt aber schon mal zu Beginn einbringen möchte. Die ehemalige Wohnung der Margarete Schütte-Lihotzky in der Franzensgasse im 5. Bezirk, die ist heute ein Museum und ein Ort der Forschung, mit dem Ziel, Frauen in der Architektur und darüber hinaus sichtbar zu machen. Und jetzt denke ich mir, was es mit der Margarete Schütte-Lihotzky auf sich hat und warum das alles für die Wiener und die österreichische Stadtgeschichte extrem spannend ist, darüber werden wir in der Folge heute sprechen. 


Walter (Host) 

Ja, dann danke ich einmal für die Einführung und für diesen tollen Bogen von Vergangenheit und Gegenwart. Und aber jetzt einmal zwei Minuten Heimatkunde. 


Andreas (Host) 

Zwischen 1919 und 1934 regiert in Wien eine sozialdemokratische Stadtregierung, die mit dem Projekt des Roten Wien einen tiefgreifenden sozialen und kulturellen Umbau der Stadt anstrebt. Im Zentrum steht die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter:innen, vor allem durch kommunalen Wohnbau, neue Infrastrukturen und eine bewusste Kulturpolitik. Nach dem Ersten Weltkrieg leidet Wien unter Wohnungsnot, Elend und hoher Arbeitslosigkeit. Große Teile der Arbeiter:innenschaft leben in überbelegten Zinskasernen ohne sanitären Standard. Die sozialdemokratische Stadtregierung regiert mit einem umfassenden Wohnbauprogramm, finanziert unter anderem durch spezielle Luxus- und Wohnbausteuern, um leistbare, gesunde Wohnungen zu schaffen und zugleich Arbeitsplätze und Baugewerbe zu sichern. Die Gemeindebauten der Zwischenkriegszeit weisen trotz unterschiedlicher Architekt:innen einen gut erkennbaren, charakteristischen Stil auf. Besonders markant sind großzügige Wohnhöfe mit Toranlagen und klar gefassten Straßenfronten, expressive, oft monumentale Fassaden mit Erkantürmen, Durchgangsarkaden und plastischen Bauinschriften, einheitliche Gestaltung von Baukörpern und Außenräumen, die Orientierung und Identität stiften. Zwischen Beginn der 1920er Jahre und Anfang der 1930er Jahre entstehen so in Wien etwa 64.000 neue Gemeindewohnungen, in denen rund 200.000 Menschen ein neues Zuhause finden. Dabei geht es nicht nur um Dächer über den Kopf, sondern um ein umfassendes Konzept des sozialen Wohnens. Leistbare Wohnungen, also relativ kleine, funktional geschnittene Einheiten, meist mit zwei Räumen, Vorraum, Wasseranschluss und WC, ein für damalige Arbeiter:innenhaushalte enormer Standard. Gemeinschaftliche Infrastruktur: Zentralwäschereien, Brausebäder, Kindergärten, Jugendheime, Mütterberatungsstellen, Krankenkassen, Arztpraxen, Zahnkliniken, Bibliotheken, Werkstätten, kulturelle Räume sowie Geschäftslokale und Postämter innerhalb der Anlagen. Und auch Freiräume, große, begrünte Höfe, Spielplätze und Freiflächen, die Begegnung, nachbarschaftliche Hilfe und soziale Kontrolle gleichermaßen ermöglichen. Damit sollen Gesundheit, Bildung und kulturelle Teilhabe der arbeitenden Bevölkerung systematisch gefördert und eine Stadt der Gemeinwesen geschaffen werden. Die Architektur des Roten Wien ist bewusst als sichtbares Zeichen einer neuen demokratischen Kultur konzipiert. Die monumentalen Gemeindebauten formulierten den Anspruch auf Würde und Präsenz der Arbeiter:innenschaft im Stadtraum. Viele Architekt:innen stehen der Wiener Moderne nahe, suchen funktionale Grundrisse und eine sachlich expressive Sprache, die sich von historischen Mietskasernen absetzt. Architektur wird so zu einem Medium der Erziehung zur Moderne, das Alltag, Ästhetik und politische Vision miteinander verbindet. Trotz der Fortschrittlichkeit der sozialdemokratischen Wohnbaupolitik bleibt der Architekturberuf stark männlich dominiert. Unter den fast 200 Architekten und Architekt:innen, die an den kommunalen Bauten beteiligt sind, gibt es nur sehr wenige Frauen. Neben Margarete Schütte-Lihotzky wird oft nur Ella Brix als weitere Architektin im kommunalen Wohnbauprogramm genannt. Gleichzeitig richtet sich ein Großteil der sozialen Infrastruktur wie Mütterberatungsstellen, Waschküchen, Kindergärten und Wohnungsnaheversorgung explizit an die Bedürfnisse der Frauen im damaligen Alltag. Die Frage nach der frauengerechten Stadt ist damit zwar implizit gestellt, aber die Planung selbst liegt überwiegend in männlichen Händen, mit einigen wenigen dafür umso wichtigeren Ausnahmen. Im Kontext des Roten Wien ist Schütte-Lihotzky an verschiedenen Projekten beteiligt. Unter anderem wirkt sie an der Planung des Otto-Haas-Hofs im 20. Bezirk mit, einem Teil der großen Gemeindebauanlage Wienaskihof, einem typischen Wohnhof der Zwischenkriegszeit. Darüber hinaus plant sie im Auftrag der Stadt Wien zwei Wohnhäuser und zwei Kindergärten sowie andere soziale Einrichtungen. Ihre Entwürfe zeichnen sich durch funktionale Grundrisse, klare Organisation der Wege und eine besondere Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse von Kindern und Frauen aus, etwa durch kurze Wege, gut einsehbare Spielbereiche und praktische Küchenlösungen. Die Gemeindebauten des Roten Wien prägen bis heute das Stadtbild und bieten nach wie vor Hunderttausenden Wiener:innen leistbaren Wohnraum. Aktuelle Analysen zeigen, dass insbesondere Großanlagen wie Karl-Marx-Hof und Reumannhof mit ihrer Mischung aus Wohnungen, Nahversorgung, sozialer und kultureller Infrastruktur sowie gut nutzbaren Freiräumen vielen heutigen, auch frauenspezifischen Wohnbedürfnissen noch immer weitgehend entsprechen. Gleichzeitig macht der Blick auf Pionier:innen wie Margarete Schütte-Lihotzky deutlich, dass die soziale Vision des Roten Wien um eine konsequent geschlechtergerechte Planung erweitert werden muss. Ihr Werk erinnert daran, dass Architektur nicht nur bauen, sondern immer auch Gesellschaft entwerfen heißt und dass dieser Entwurf nur dann demokratisch ist, wenn Frauen als Nutzer:innen und als planende Subjekte gleichermaßen sichtbar werden. 


Walter (Host) 

Ja, danke Andreas, also für den Kontext zu unserem heutigen Thema in der kurzen Heimatkunde. Also wir sprechen eigentlich über eine Frau, die 100 Jahre österreichische Geschichte buchstäblich miterlebt und mitgestaltet hat, also als Architektin und Widerstandskämpferin Margarete Schütte-Lihotzky. 


Andreas (Host) 

Genau. Sie ist, das haben wir jetzt schon erwähnt gehabt, 1897 in Wien geboren und im Jahr 2000, also ganz kurz vor ihrem 103. Geburtstag, ebenfalls in Wien gestorben. Sie war also eine Zeitzeugin vom späten Kaiserreich bis zur Zweiten Republik, sogar bis zur recht späten Zweiten Republik. Und die meisten kennen ihren Namen wahrscheinlich, wenn überhaupt, wegen der Frankfurter Küche. Das ist diese weltberühmt gewordene Einbauküche der 1920er Jahre, aber. 


Walter (Host) 

Die wir alle zu Hause stehen haben. 


Andreas (Host) 

Mehr oder weniger. Aber Schütte-Lihotzky war viel mehr als nur die Frau mit der Küche. Margarete Schütte-Lihotzky war eine der ersten Frauen, die in Österreich Architektur studiert haben und gilt so als erste Architektin Österreichs, die den Beruf tatsächlich umfassend ausgeübt hat. Sie wurde eben am 23. Januar 1897 geboren, entstammte einer liberaldemokratischen Familie. Die Frankfurter Küche, weswegen sie ja besonders bekannt wurde, wurde tatsächlich in über 10.000 Wohnungen realisiert und war ein sozialreformerisches Bauprojekt, das die Hauswirtschaft durch optimale Raumnutzung und Funktionalität rationalisieren sollte, um die Mehrfachbelastung berufstätiger Frauen zu reduzieren. 


Walter (Host) 

Aber schauen wir mal zuerst auf drei große Linien. Also Ihre Biografie als Architektin der Moderne, also Ihre Rolle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Faschismus und Ihr oft, sagen wir mal, ambivalentes Verhältnis zu Wien und zu Österreich. 


Andreas (Host) 

Genau. Und wir fragen auch, warum ist sie lange eher übersehen worden und warum wird sie heute, etwa mit dem erwähnten Schütte-Lihotzky-Zentrum in Wien, plötzlich als ikonische Figur des sozialen Bauens und der engagierten Architektur gefeiert? 


Walter (Host) 

Okay, fangen wir mal zuerst einmal mit der Kindheit an, bevor wir diese wirklich beeindruckende Biografie durchgehen. Die Margarete oft so als Grete genannt, also hat sie sich offensichtlich auch selbst benannt. Die Grete wird eben 1897 im 5. Bezirk in Wien Margareten geboren. 


Andreas (Host) 

Genau, das ist das Wien der späten Monarchie. Eine Stadt mit kratzen Gegensätzen, also bürgerliche Salons, aber auch beengte Arbeiterwohnungen und wirklich Elendskwartiere. Und genau diese soziale Spaltung prägt dann später ihr Verständnis von Architektur. 


Walter (Host) 

Ja, sie will ja, glaube ich, sehr früh auch als Jugendliche schon hat sie den Plan eben, Architektur zu studieren. Also was ja damals für eine Frau ja nicht wirklich selbstverständlich war in dieser sehr männerdominanten Gesellschaft und auch in gerade in der Architektur. Sie studiert eben ab 1915 als eine der ersten Frauen an der Wiener Kunstgewerbeschule Architektur, unter anderem bei Oskar Strnath. 


Andreas (Host) 

Genau, und Strnath steht für eine moderne, funktionale Architektur, die sich stark an Alltagsbedürfnissen orientiert. Man kann sagen, dass Schütte-Lihotzky hier ein Konzept von Architektur lernt, das an Menschen und ihren Lebensverhältnissen orientiert ist und nicht an monumentalen Repräsentationsbauten. Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitet sie im Umfeld der Wiener Siedlerbewegung. Da geht es um Kleingartensiedlungen und einfache Häuser für Menschen, die sich das Wohnen in der Stadt sonst nicht leisten könnten. Sie entwickelt dort sogenannte Kernhaustypen, also kleine, erweiterbare Häuser. Die Idee ist, mit begrenzten Mitteln Wohnräume schaffen, die funktional sind und mit den Bedürfnissen ihrer Bewohner:innen wachsen können. Ein sehr frühes Beispiel für sozialen Wohnbau als architektonisch-politisches Projekt. 


Walter (Host) 

Ja, und sie wird ja auch Mitte der 1920er Jahre nach Deutschland gerufen. 1. Mai holt sie 1926 nach Frankfurt. 1. Mai war ja nicht irgendwer. Das war einer der ganz großen Architekten. Da wurde ja auch im Rahmen des Ersten Fünfjahresplanes in die Sowjetunion berufen und sollte dort ganze Städte aufbauen, bevor sie sich dann irgendwie auch von diesem stalinistischen Regime abgewandt hat. Sie wurde eben in das Neue Frankfurt eingeladen für ein kommunales Wohnprogramm, das moderne, leistbare Wohnungen schaffen sollte. 


Andreas (Host) 

Dort entwirft sie eben diese Frankfurter Küche, die oft ja als die erste moderne Einbauküche bezeichnet wird. Deswegen der Hinweis vorher, dass wir die irgendwie alle zu Hause stehen haben. Sie basiert auf Zeit- und Bewegungsstudien, soll Wege verkürzen, Arbeitsabläufe rationalisieren mit festen Arbeitsflächen, eingebauten Kästen, klarer Zonierung in der Küche. Man könnte sagen, es ist so der Versuch, Hausarbeit, die damals ja fast ausschließlich Frauen leisten, ernst zu nehmen und besser zu organisieren. Gleichzeitig steckt natürlich auch eine Rationalisierungslogik dahinter, die nicht nur emanzipatorisch ist. 


Walter (Host) 

Spannend ist ja auch, dass sich eben die Schütte-Lihotzky sich von der Küche distanziert. Also sie spricht ja irgendwann mal nur von dieser Küche, so leicht abwertend. Sie wollte einfach nicht darauf reduziert werden, nur auf dieses eine Projekt. Und für sie ist die Frankfurter Küche nur ein Element in einem viel größeren Engagement für sozialen Wohnbau. Und dieses Engagement geht ja weit über Frankfurt hinaus. Sie arbeitet eben auch in der Sowjetunion, also auch wie 1. Mai, an neuen Städten und insbesondere an Kinder- und Schulbauten. Und später geht sie auch in die Türkei und ebenfalls dort wirkt sie an den Bauten von Kinderbauten und ist auch tätig in der Bildungsarchitektur. 


Andreas (Host) 

Da zeigt sich ein roter Faden: Kinder, Frauen, Arbeiter:innen. Sie denkt Architektur weitgehend von den Gruppen aus, die damals eher weniger Macht und wenig Raum hatten. Genau das macht sie halt aus heutiger Sicht zu einer Pionierin einer sozial engagierten, feministischen Architektur. 


Walter (Host) 

Kommen wir noch mal vielleicht zurück zu ihrem politischen Engagement. Also in den 1930er Jahren, also natürlich seit harter politischer, ideologischer Auseinandersetzung, radikalisiert sich auch Schütte-Lihotzky politisch. Also sie schließt sich ja in der Türkei im Exil einer österreichischen kommunistischen Widerstandsgruppe an und da lernt sie unter anderem auch den Architekten Herbert Eichholzer kennen. 


Andreas (Host) 

1939 tritt sie in die Kommunistische Partei Österreichs ein. In diesem Kontext fällt dann eine Entscheidung, die fast ihr Leben gekostet hätte. 1940 kehrt sie freiwillig nach Wien zurück, um für den österreichischen kommunistischen Widerstand zu arbeiten. Und man muss sich klarmachen, also sie ist ja in Istanbul relativ sicher, entscheidet sich aber bewusst, in das Zentrum des NS-Herrschaftsapparates zurückzukehren. Das ist eine konsequente, aber extrem riskante Entscheidung. Und sie wird sehr schnell verhaftet, leider. Nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft im Jänner 1941. Die Gestapo verhört sie mehrfach. Gegen sie wird sogar die Todesstrafe beantragt. 


Walter (Host) 

Ja, und da hält sie ja zum Glück nur unter Anführungszeichen 15 Jahre Zuchthaus. Also sie kommt ins Frauenzuchthaus Eichach in Bayern, wo sie bis zum Ende des Krieges inhaftiert bleibt und ja auch immer eigentlich so die Angst haben muss, dass sie dann doch noch hingerichtet wird oder ermordet. Und 1945 wird das Gefängnis dann von US-Truppen befreit. Also und während einige ihrer Mitstreiter, darunter Eichholzer, zum Tode verurteilt und auch 1943 hingerichtet wurden, überlebt sie. Also in den Gefängnisbriefen, aus dieser Zeit, die später ja veröffentlicht wurden, kann man ja auch ihren Willen und ihre politische Überzeugung sehr eindrucksvoll nachlesen. 


Andreas (Host) 

Sie agiert bewusst als politische Widerstandskämpferin. Ihr Antifaschismus bleibt eine Konstante, auch nach 1945. Etwa wenn sie sich später gegen rechtsextreme Tendenzen in Österreich engagiert und sogar den Politiker Jörg Haider wegen Verleumdung verklagt. Nach dem Krieg arbeitet sie zunächst in Bulgarien, kommt 1947 endgültig nach Wien zurück. Man könnte meinen, dass die Stadt sie mit offenen Armen empfängt, aber wie in vielen Fällen ist es nicht der Fall, obwohl eine international erfahrene Architektin, Widerstandskämpferin mit Expertise im sozialen Wohnbau, ist Wien gegenüber den Exilanten und Exilantinnen leider nicht so aufnahmefreudig. 


Walter (Host) 

Ja, das ist ja nicht der einzige Fall, also dass die Rückkehrer:innen nicht besonders beliebt waren und eher versucht wurden, aus dem Land noch einmal sie zu vertreiben oder sie zumindest nicht aktiv einzuladen. Und eben die Realität ist ja auch kompliziert. Sie bleibt überzeugte Kommunistin, also nimmt ihre politische Haltung nach wie vor auch nach dem Zweiten Weltkrieg mit. Und in Wien der Nachkriegszeiten sind ja die Fronten zwischen Sozialdemokrat:innen und Kommunist:innen ziemlich verhärtet von beiden Seiten her. 


Andreas (Host) 

Ja, und aus parteipolitischen Gründen erhält sie daher nur sehr wenige öffentliche Aufträge. Also ihre Erfahrung wäre eigentlich ideal für den Wiederaufbau und für den kommunalen Wohnbau, aber politisch ist sie eben deswegen unbequem. Trotzdem schafft sie es, um 1950 zumindest einige Projekte zu realisieren, etwa zwei Gemeindebauten in Wien, einer gemeinsam mit ihrem Mann Wilhelm Schütte und ein Kindergarten im 20. Bezirk, der heute auch unter Denkmalschutz steht, weil wir ja bei den Denkmälern sind. Gleichzeitig engagiert sie sich stark in der Frauen- und Friedensbewegung, etwas, was man leider immer und noch immer braucht. Sie wird 1948 erste Präsidentin des Bundes demokratischer Frauen und bleibt das bis 1969. Sie ist in internationalen Frauenorganisationen aktiv, tritt gegen Atomwaffen und für den Frieden ein. Das heißt, ihr Verhältnis zu Wien und Österreich ist in gewisser Weise ambivalent. Also sie ist eine große Patriotin und Wien ist ihr lebenslanger Bezugspunkt, Geburtsort, Arbeitsort, Sterbeort. Aber andererseits erlebt sie hier halt auch viel Ignoranz, politische Ausgrenzung, lange Zeit keine beziehungsweise eine sehr späte Anerkennung. 


Walter (Host) 

Man kann einfach sagen, also Österreich tut sich einfach schwer mit Menschen, die nicht ins nationale Selbstbild passen. Also sie ist eine kommunistische, widerständige, intellektuelle Architektin, dazu noch eben eine Frau. Also das passt einfach nicht in dieses Nachkriegs-Österreich hinein. 


Andreas (Host) 

Ja, und man müsste natürlich fragen, was ist das nationale Selbstbild? Also vielleicht muss das auch irgendwann einmal aufgearbeitet werden. 


Walter (Host) 

Wäre schön, wenn sie das ändern würde. 


Andreas (Host) 

Genau, also auch bei sowas wie einer Staatsbürgerinnenschaftprüfung oder so. Also was ist denn nationale Kultur? Aber abseits dessen, ja, ich meine, also zum Beispiel die Kindertagesheime oder so, international gefeiert, aber in Wien vorerst kaum Resonanz. Und außerhalb Österreichs schätzt man ihre Expertise. In Kuba arbeitet sie Entwürfe für Kinderbauten für das zuständige Ministerium. Auch in der DDR plant sie Kinderanstalten und dann aber ab 1967 auch ihre eigene Wohnung in der Franzensgasse, in der sie all ihre Überlegungen zum Wohnen auch umsetzt. Das wird eben dann das Schütte-Lihotzky-Zentrum. Auf Drängen beginnt sie dann ab den 1970er Jahren ihre Erinnerungen niederzuschreiben und wird sowohl für die Architekturgeschichte als auch für die Zeitgeschichte eine prominente und oft mahnende Zeitzeugin. Zugleich wird sie zu einer wichtigen Identifikationsfigur für die zweite Frauenbewegung. Ihr politisches Engagement gilt auf jeden Fall der Gleichberechtigung der Frauen. Und dann ist sie natürlich auch Delegierte in der Internationalen Demokratischen Frauenföderation und in der Friedensbewegung eben aktiv. Anerkennung gibt es aber erst sehr spät. Also sie muss wirklich über 80 Jahre alt werden, bis die ersten Auszeichnungen für ihre Rolle als Pionierin in der Architektur für ihr politisches Engagement kommen und sie sie erhält. Also 1978 endlich das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs, 1980 der Preis für Architektur der Stadt Wien, 1992 die Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold. Das MAK widmet ihr 1993 endlich eine erste große Werkschau. Dann bricht ein bisschen ein Damm und die Anerkennung kommt, Gott sei Dank. Aber sie kommt halt sehr, sehr spät. 


Walter (Host) 

Ich habe ja auch den Eindruck, dass eigentlich zuerst die politische Anerkennung noch kommt, sie als Widerstandskämpferin erst sehr spät ihre architektonische Leistung gewürdigt wird. 


Andreas (Host) 

Das hat natürlich mit den Veränderungen auch in Österreich in den 80er Jahren zu tun, wo quasi Vergangenheit in einer ganz anderen Form betrachtet und aufgearbeitet wird. Und Gott sei Dank, weil ich meine, das wäre halt auch eine Reduktion, sie nur als Widerstandskämpferin zu sehen. Also sie ist eben als allererstes auch eine Pionierin der Architektur. 


Walter (Host) 

Und eben auch, die sich sehr intensiv mit Care-Arbeit beschäftigt. Also sie nimmt das Problem wahr und versucht ja wirklich auch die Frauen mit der Frankfurter Küche, auch wenn es ein ungeliebtes Projekt am Ende von ihr war, ja sie eigentlich von dieser elendiglichen, lästigen Hausarbeit zu befreien. Es soll rationalisiert werden. Es gibt auch natürlich auch Kritik daran, dass da die Frau isoliert in der Küche arbeitet, während die restliche Familie im Wohnzimmer verharrt. Aber eigentlich war es ihr wichtig, die Frau soll befreit werden von diesen lästigen Kocharbeiten, soll sich politischen, kulturellen oder auch erzieherischen Tätigkeiten widmen. 


Andreas (Host) 

In dieser Wohnung gibt es ja, ich glaube, wenn ich es richtig im Kopf habe, gibt es drei unterschiedliche Orte in Wien, wo man sich auch mal diese Frankfurter Küche anschauen kann. Also es ist einerseits im Schütte-Lihotzky-Zentrum in ihrer alten Wohnung in der Franzensgasse, andererseits, das wirst du natürlich wissen, lieber Walter, im Technischen Museum in Wien. Und ich glaube, im MAK auch, wenn ich es richtig im Kopf habe. Aber die Wohnung selber ist ja ein Symbol. Also sie zeigt, wie sehr Margarete Schütte-Lihotzkys Leben und Arbeiten mit Wien verwoben waren, also trotz aller Konflikte mit der Stadt und ihrer Politik und wie sehr auch Wien sie hervorgebracht hat, das muss man auch sagen. Also gleichzeitig ist das Zentrum halt eben ein Ort, wo über Gegenwartsthemen wie Wohnraum, soziale Gerechtigkeit und feministische Stadtplanung nachgedacht wird. 


Walter (Host) 

Ja, man könnte also durchaus sagen, also heute inspiriert sie ja wirklich eine neue Generation von Architekt:innen. Es gibt ja zum Glück jetzt immer mehr Architekt:innen. Es ist nicht mehr diese reine Männerdomäne, aber auch Aktivist:innen und Künstler:innen, die nach Formen einer solidarischen, gemeinschaftlichen Stadt suchen. 


Andreas (Host) 

Wenn man das alles zusammennehmen, dann ist und war Margarete Schütte-Lihotzky eine Figur, an der sich das 20. Jahrhundert in Österreich schön exemplarisch erzählen lässt. Vom Kaiserreich über Krieg, Faschismus, Exil und Widerstand bis zur Nachkriegsrepublik. Also man könnte fast sagen, wären wir in den USA, gäbe es sicher schon ein wunderschönes Biopic über sie. Vielleicht passiert es ja in Österreich auch noch. Wir werden sehen. 


Walter (Host) 

Wir hoffen es, ja. 


Andreas (Host) 

Genau. Und zugleich zeigt sie, wie eng Architektur, Politik und Alltag miteinander verschränkt sind. Also ihre Bauten sind keine neutralen Objekte, sondern Antworten auf soziale Fragen. Wer darf wie wohnen? Wer hat Zugang zu Infrastruktur? Wer wird sichtbar? Wer bleibt unsichtbar? 


Walter (Host) 

Ja, und da kommen wir ja eigentlich auf diese mangelnde Erinnerungskultur, die also jahrzehntelang eigentlich die österreichische Zeitgeschichte verfolgt hat, auch zu sprechen. Also zum Glück seit den 80er Jahren bricht oder ist das aufgebrochen, auch natürlich mit Waldheim-Affäre etc. Und die Frage ist immer, wer wird eigentlich gefeiert, wer wird lange ignoriert und warum? Und vielleicht ist genau das ihre Aktualität. Sie zwingt uns also über die politischen Dimensionen unserer gebauten Umgebung nachzudenken. Also Architektur, es ist einfach steinerne oder in Stein gemeißelte politisches und soziales Verständnis. Und darüber, wie viel Mut es eigentlich braucht, nicht nur Häuser, sondern auch Gesellschaften verändern zu wollen. 


Andreas (Host) 

Walter, das war so ein schönes Schlusswort. Ich glaube, für heute belassen wir es erst mal dabei. Mehr zum Thema dann in den anschließenden Tipps. Wenn euch die Sendung gefallen hat, dann empfehlt uns doch bitte weiter und lasst ein Like da. Für Anregungen, Wünsche, Beschwerden, kurz Fanpost, über die freuen wir uns, gibt es die Adresse podcast@mr53.wien.gv.at. Es verabschieden sich Andreas. 


Walter (Host) 

Und Walter. 


Andreas (Host) 

"Warum ich Architektin wurde", so lautet der Titel des 2019 posthum erschienenen Manuskripts Margarete Schütte-Lihotzkys, in welchem sie Einblicke in ihre frühe Jahre und ihre Motivation für ihre spätere Berufung gibt. Herausgegeben von Karin Zogmaier, erschienen im Residenzverlag. Das kämpferische Leben einer Architektin von 1938 bis 1945 beschrieb Schütte-Lihotzky in ihren Erinnerungen aus dem Widerstand, erschienen im Promedia Verlag mit einem Vorwort von Elisabeth Holzinger. Ein umfassender, auf neuestem Forschungsstand basierender Band, der ihr Werk in 125 Beiträgen analysiert, findet sich in Margarete Schütte-Lihotzky: Architektur, Politik, Geschlecht. Neue Perspektiven auf Leben und Werk, 2019 herausgegeben von Marcel Boys und Bernadette Reinhold im Verlag Birkhäuser. Zur Architektur im Roten Wien der Zwischenkriegszeit empfehlen wir einerseits den Klassiker von Helmut Weißmann: Das Rote Wien, sozialdemokratische Architektur und Kommunalpolitik 1919 bis 1934, bei Promedia erschienen, und andererseits Rotes Wien, Architektur 1919 bis 1934, Stadtraumpolitik von Yves Blau im Verlag Birkhäuser. Das bereits erwähnte Margarete Schütte-Lihotzky-Zentrum ist ein Gedenk- und Forschungsort in der ehemaligen Wohnung der berühmten österreichischen Architektin in Wien. Es dient als Museum, Archiv und Treffpunkt für den Diskurs über Architektur und Gesellschaft. Das Zentrum befindet sich in der Franzensgasse 16 im 5. Wiener Gemeindebezirk. Seit Oktober 2022 ist die denkmalgeschützte Wohnung öffentlich zugänglich. Besucher:innen können die originalgetreue Einrichtung sowie Exponate zu ihrem Leben und Werk, darunter die berühmte Frankfurter Küche, besichtigen. Individuelle Rundgänge durch die Wohnung sind nach Vereinbarung möglich. Es finden regelmäßig Symposien, Vorträge und sogar Teestunden im kleinen Rahmen statt, um den Austausch über Architekturthemen zu fördern. Informationen zu aktuellen Projekten und Öffnungszeiten finden sich auf der offiziellen Website schütterlich-houtzke.at. 

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