Grätzlgeschichten

24 | Spinnerin am Kreuz: Wien und die Todesstrafe

Stadt Wien

Andreas und Walter sind mit neuen Grätzlgeschichten zurück. In der zweiten Staffel nehmen sich die beiden Wiener Denkmäler vor. Den Anfang macht die Spinnerin am Kreuz in Favoriten. Wie das Wahrzeichen an der Triester Straße zu seinem Namen kam, erfahrt ihr in dieser Folge – ebenso wie eine kleine Geschichte der Todesstrafe in Wien. Denn gleich neben der Spinnerin am Kreuz stand früher ein Galgen. 

Mehr Wiener Geschichte findet ihr im Wien Geschichte Wiki. Andreas und Walter könnt ihr außerdem in der Geschichtsgreißlerei hören.

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-Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge der Grätzlgeschichten. Es begrüßen euch Andreas und-Walter. -Ja Walter, heute wieder in der neuen Staffel der Grätzlgeschichten„Denkmäler im Zentrum“. Von dem aus aber natürlich auch jeweils immer eine Geschichte des Grätzls oder eine größere Geschichte, die wir erzählen.-Um was geht es heute?-Heute habe ich als Startpunkt für uns etwas mitgebracht, was super spannend ist. Ein Ort, den ich unbedingt schon mal einbringen wollte und zwar die sogenannte Spinnerin am Kreuz am Wienerberg im Favoriten. Also wer es nicht kennt, es handelt sich dabei um eine eigentlich recht prominente gotische Wegmarkierung. Also gotisch, Spitzbögen und so weiter. Genau, eine Bildsäule an der Triesterstraße, ich glaube 16 Meter hoch oder so.-Ziemliches Trum.-Ziemliches Trum und das kann man sich vielleicht so vorstellen, also wer mit dem Auto nach Wien einfährt, also quasi nach den ehemaligen Coca-Cola-Gründen. Rechterhand an der Höhe des Wienerbergs, wenn man stadteinwärts fährt, ist ja der Wasserturm im Favoriten mit dem umgebenden Park und linkerhand ist diese, ja einerseits beeindruckende und andererseits natürlich jetzt neben der Triesterstraße doch ein bisschen untergehende große weiße Säule. Sie ist seit kurzem wieder weiß, lange Zeit war sie ja eher angegraut aufgrund des Verkehrs und der Witterung. Und die war ursprünglich auch unter den verschiedensten Namen bekannt. Warum sie Spinnerin am Kreuz heißt, kann man gar nicht so genau sagen. Jedenfalls steht die Säule mit ihren charakteristischen gotischen Verzierungen, den Spitzbögen, wie ich schon gesagt habe, an jedem Punkt von dem aus man die Stadt Wien von Süden kommend und sehr viele sind ja von Süden gekommen. Weil man im im Grund der erste, also der heutige erste Bezirk, die Stadt Wien, von der Höhe des Wienerbergs über die Jahrhunderte zum ersten Mal sehen konnte. Also von dort erster Blick auf Wien. Und heute steht sie aber mitten im Favoriten, einem der bevölkerungsreichsten Bezirke der Stadt und damit irgendwie fast schon wieder mitten in der Stadt und das finde ich faszinierend.-Ja und gleichzeitig ist ja der Ort recht mit einer makabren Geschichte verbunden, oder?-Genau, weil die Säule markierte auch früher schon die äußerste Grenze der Wiener Stadtgerichtsbarkeit. Das zeigt auch, dass diese Grenzen nicht immer gleich waren. Aber in unmittelbarer Nähe befand sich daher auch ein Hochgericht, also weil einerseits grenzende Gerichtsbarkeit, andererseits gut ersichtlicher Platz, wo bis ins 19. Jahrhundert hinein öffentliche Hinrichtungen durch den Galgen oder davor auch durch das Rad erfolgten. Besonders grausame Hinrichtungsmethode. Beim Bau des in unmittelbarer Nähe gelegenen George-Washington-Hofs zum Beispiel wurden da 1927 unzählige Skelette gefunden und das waren natürlich verscharrte Gehengte. Also ein Hinweis auch an vielleicht Filmemacher*innen, Literat*innen da draußen, falls ihr noch einen guten Schauplatz für eine Horrorgeschichte in Wien sucht, das wäre euer Platz. Die letzte öffentliche Hinrichtung wurde an dieser Stelle, und auf das werden wir später noch zu sprechen kommen, wurde an dieser Stelle am 30. Mai 1868 wegen eines Raubmordes veranstaltet. Man kann da durchaus veranstaltet sagen, es war ein richtiges Spektakel. Das sollte sich aber dann mit der Zeit ändern. Also alles in allem ein spannender Ort, finde ich. Und davor hätte ich aber gesagt, machen wir mal noch zwei Minuten eine alternative Heimatkunde.-Für viele Jahrhunderte galt auch in Österreich die Todesstrafe als ein angeblich probates Mittel staatlicher Strafgewalt. Und bei der Anwendung war man nicht gerade zimperlich und zeigte ein hohes Maß an perverser Fantasie. Je nach Delikt und gesellschaftlichem Grad des Delinquenten, wählte man zwischen Hängen, Enthaupten, Rädern oder Verbrennen. Bereits in der frühen Neuzeit war die Todesstrafe in den österreichischen Ländern fest verankert. Sie diente nicht nur der Bestrafung, sondern auch der Abschreckung und Machtdemonstration. Hingerichtet wurde deshalb auch vorzugsweise öffentlich. Die Constitution Criminalis Theresiana von 1768 listete eine Vielzahl von Delikten auf, die mit dem Tode bestraft werden konnten. Darunter zählten Mord, Diebstahl mit Waffengewalt oder Hochverrat. Das Grundprinzip war nicht Prävention, sondern primär alttestamentarische Vergeltung. Erst die Aufklärung brachte Veränderungen. Maria Theresia war selbst keine Gegnerin der Todesstrafe, erlaubte aber Untersuchungen über ihre Wirksamkeit und ihr Sohn Joseph II. ging noch weiter. 1787 schaffte er im Zuge seiner umfassenden Strafrechtsreformen die Todesstrafe im zivilen Bereich ab, als einer der ersten Herrscher Europas. Sie wurde durch Zwangsarbeit und langjährige Haftstrafen ersetzt. Diese Reform beruhte auf der humanistischen Idee, staatliches Töten sei weder gerecht noch abschreckend. Sie wurde allerdings 1795 nach Josephs Tod wieder eingeführt. Eine Antwort auf die politisch unruhigen Zeiten, die Hand in Hand mit der französischen Revolution ging. Und die bürgerliche Revolution ging in Frankreich auch nicht gerade zimperlich mit ihren Gegnern um. Im 19. Jahrhundert blieb die Todesstrafe Teil des österreichischen Strafrechts, wurde aber zunehmend seltener vollstreckt. Fortschritte in Rechtspflege, Medizin und Philosophie stärkten ein wachsendes Unbehagen gegenüber dem staatlich legitimierten Töten. Technisch änderte sich die Hinrichtungsmethode. Statt öffentlicher Schauspiele wurden Vollstreckungen in Gefängnissen und unter strikter Geheimhaltung durchgeführt, meist durch den Strang. Im Strafgesetz von 1842 wurde sie weiterhin vorgesehen, insbesondere für Mord und politische Verbrechen. Doch die Zahl der tatsächlichen Hinrichtungen nahm allmählich ab. Nach dem Ende der Monarchie 1918 übernahm die Erste Republik zunehmend das bestehende Strafrecht. 1919 schaffte das Parlament die Todesstrafe für Zivilstrafverfahren ab, was ein bedeutender Fortschritt im jungen demokratischen Staat war. Allerdings blieb sie im Militärrecht bestehen. Während des autoritären Ständestaats ab 1934 wurde sie wieder ausgeweitet, besonders für politische Gegner. So wurden nach dem Februarkämpfen 1934 24 Todesurteile ausgesprochen, neun davon vollstreckt. Während der NS-Zeit erfuhr die Todesstrafe eine dramatische Ausweitung. Tausende Menschen wurden durch die Urteile der sogenannten Volksgerichte hingerichtet. Die Guillotine, das Fallbeil, war ein alltägliches Werkzeug der Justiz. Dass sich gerade die Faschisten des Mordinstruments der bürgerlichen französischen Revolution bediente, entbehrt nicht einer gewissen bestialischen Ironie. Nach 1945 wurde die Todesstrafe zunächst wieder eingeführt, primär für besonders schwere Verbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. 1950 fand schließlich die letzte Hinrichtung statt. Der Raubmörder Johann Trnka wurde in Wien erhängt. Danach schaffte man die Todesstrafe für zivilrechtliche Delikte endgültig ab. Für die Abstimmung 1950 im Parlament hob man den Klubzwang auf, die Entscheidung gegen die Todesstrafe fiel aber relativ knapp aus. 86 waren für die Abschaffung, immerhin 64 dagegen. Im Jahre 1968 folgte auch die Abschaffung im Militärrecht. Damit wurde Österreich zu einem der frühesten europäischen Staaten, die vollständig auf die Todesstrafe verzichteten. Heute ist das Verbot der Todesstrafe in Österreich sowohl im Verfassungsrecht als auch in internationalen Verpflichtungen festgeschrieben. Artikel 85 des Bundesverfassungsgesetzes garantiert, dass niemand in Österreich mit dem Tod bestraft werden darf. Zudem verpflichtet sich Österreich in mehreren internationalen Abkommen verbindlich zur kategorischen Nichtanwendung. Heute ist, auch gegen Unkenrufe aus dem autoritär-politisch-rechten Eck, die Ablehnung der Todesstrafe breiter gesellschaftlicher Konsens. Eine Rückkehr wäre ein fatales Signal und würde unserer Gesellschaft in eine finstere Epoche der Menschheitsgeschichte zurückwerfen, aus der wir uns gerade so mühsam erst herausgearbeitet haben.-Danke für diese alternative Heimatkunde, Walter. Aber gehen wir vielleicht nochmal zurück zum Denkmal. Also die Spinnerin am Kreuz ist ja eines der ältesten Wahrzeichen Wiens. Sie ist vor allem aber auch ein eindrucksvolles Beispiel spätgotischer Baukunst. Also sie steht, wie wir schon gesagt haben, im 10. Wiener Gemeindebezirk und ist vollständig aus Sandstein gebaut. Errichtet wurde sie 1451-52, im Auftrag der Stadt Wien auch schon, wahrscheinlich nach den Plänen des berühmten Baumeisters Hans Buchsbaum, der ja auch am Stephansdom tätig war. Also insofern ist es ja auch ein Zeugnis der Dombaukunst in Wien. Ihre Lage war eben kein Zufall, weil wir hier die Säulen nicht nur als religiöses Zeichen haben, sondern auch als eine Wegmarkierung, als ein Grenzstein, als ein Burgfried, als eine Landmarke für Reisende, einfach auch als den ersten Punkt, von dem aus Wien sichtbar und erfahrbar wird. Bereits im 13. Jahrhundert ist an dieser Stelle ein steinernes Kreuz belegt. Also es wird erwähnt, ein Steinernkreuz ob Mörling, das wohl ein Vorgänger des heutigen Denkmals war. Das ist dann zerstört worden, auch das Denkmal selbst ist mehrfach zerstört worden, so zum Beispiel bei den Türkenbelagerungen und auch später ist dann immer wieder renoviert und restauriert worden. Im 19. und 20. Jahrhundert folgten weitere Erneuerungen und zuletzt, also vor ganz kurzer Zeit, nach einem Blitzeinschlag 2021, ist es von 2021 bis 2023 restauriert worden. Lange Zeit stand die Säule einsam auf freiem Feld. Also man muss sich ja denken, da war ja noch nichts und um sie herum erstreckten sich eher Weingärten und Äcker. Mit der fortschreitenden Verstädterung des 10. Bezirks rückt sie aber quasi in den urbanen Raum und bleibt ja auch heute ein Teil der Stadt mit der stark befahrenen Triester Straße rundherum.-Aber ich glaube zum Beispiel, die Originalfiguren wurden ja in ein Bezirksmuseum verlagert, soweit ich weiß, nämlich ins Favoriten. Also man hatte eigentlich das nachkonstruieren müssen, weil eben die Figuren unter dem sauren Regen und der Abgasung extrem gelitten haben.-Genau so ist es. Also dadurch, dass diese Statue direkt in den städtischen Raum verschoben wurde oder der städtische Raum sich um sie herum jetzt erstreckt, ist es natürlich so, dass die Abgase, die Witterungsverhältnisse etc. Also es ist ja doch eine alte Dame, diese Figur. Es ist ein ständiges Arbeiten an der Figur und natürlich muss man dann das auch berücksichtigen. Die Spinnerin selber ist ja aus spätgotischer Zeit und die Reliefs zeigen Szenen aus der Passion Christi. Also die Kreuzigung, die Geiselung, die Dornenkrönung, eben die vielen Figuren. Also es war auch insofern ein Andachtsort für Reisende, die hier gebetet haben, bevor sie Wien erreichten.-Die war aber nicht immer nur weiß, oder?-Die war ursprünglich bunt bemalt, ja.-So ähnlich wie bei den griechischen Tempeln. Das ist ja auch immer so dieses Symbol, die ist weiß, aber eigentlich waren die immer schön bunt angenäht.-Genau, so wie die Antike in Wirklichkeit bunt war, also die Vergangenheit war bunter, als wir glauben. Ja und dann gibt es ja noch etwas Besonderes bei der Spinnerin am Kreuz. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum es den meisten Wienern und Wienerinnen sehr bekannt ist und vielleicht auch einigen aus der Umgebung. Die kennen das nämlich alle aus dem Sachunterricht in der Volksschule. Und Walter, du als ein echtes Wiener Kind, du bist ja wahrscheinlich auch irgendwann einmal damit konfrontiert gewesen.-Ja, das war ein absolutes Muss, die Sage zu kennen. Also neben der Osmanischen Belagerung und den beiden Belagerungen war die Spinnerin am Kreuz immer ein Fixpunkt dieser Erzählungen. Also ebenso das gotische Wien, ein Symbol für Treue, für Glaube, für Redlichkeit. Ja, und das musste man natürlich in diesem Sachkundeunterricht, wie es schon damals hieß, eben durchgehen.-Genau, weil es geht ja bei der Volkssage darum wo der Name herkommt. Und da geht es um eine Rittersfrau, deren Gatte an einem Kreuzzug teilnimmt und in seiner Abwesenheit gelobt sie, an der Stelle dort ein steinernes Denkmal errichten zu lassen, wenn ihr Mann heil zurückkommen sollte. Und die spinnt auch, oder? Spinnt die? -Ja, sie spinnt die ganze Zeit, aber sie spinnt an Textilien. Und mit diesen Textilien oder dem Verkauf der Textilien finanziert sie diese Säule oder das Kreuz oder was auch immer dort stehen soll. Also eine ganz interessante Geschichte. Erinnert ein bisschen so an die Penelope Odysseus, die webt den Teppich. Die Rittersfrau eben webt an Textilien und verkauft diese. Also von dem her eine alte Erzählung eigentlich. Ja, und sie wartet auf ihren Mann, der eigentlich aus einem Massaker zurückkehrt. Das ist auch immer wieder ein bisschen sehr euphemistisch dargestellt. Aber natürlich die Kreuzzüge als blutiges Unternehmen des Abendlandes gegen den Orient. Ja, wird aber halt ein bisschen verharmlost. Und sie ist eben dann so treu und sie wartet auf ihn. Und er kommt zurück und alles ist natürlich happy.-Das ist ja wahrscheinlich auch diese Ambivalenz, die in dieser Figur und in diesem Ort steckt. Also einerseits, wie du sagst, die Kreuzzüge und der Ritter, der jetzt nicht gerade freundlich war. Und andererseits die Spinnerin am Kreuz, die aber seither irgendwie mit dieser Sage als Symbol für Treue, Liebe, für Geduld, für Hoffnung etc. steht. Und jetzt haben wir eben diese Zuschreibung. Und andererseits, jetzt kommen wir zu des Pudels Kern, der Ort als Richtplatz. Also der Wienerberg mit der Spinnerin am Kreuz zählt ja zu den bedeutendsten historischen Hinrichtungsstätten Wiens. Und über die Jahrhunderte hinweg fanden hier ja unzählige Exekutionen statt, deren Geschichte dann auch eng mit der Entwicklung der Stadt verbunden ist, also der Gerichtsbarkeit, der Erinnerungskultur etc. Der Wienerberg ja deswegen, wegen seiner erhöhten, weithin sichtbaren Lage, ein idealer Ort. Und der Galgen, der stand wo?-Ja, gegenüber von der Spinnerin am Kreuz. Also da gab es ein breites Feld und da hatte man genug Platz eigentlich, um die Leute dort hinzurichten, zu foltern. Es war ja nicht nur der Galgen, der dort fixiert wurde, es gab auch diese Räder, wo man die Leute aufgespannt hat, sie wurden verbrannt, lebendig, sie wurden stranguliert. Also das Mittelalter und die Neuzeit hatte ja wirklich so eine große Varietät auch an Tötungsmöglichkeiten. Da war der Mensch ja sehr fantasievoll. Und es war auch gleichzeitig, denke ich mal, fast eine Warnung, weil das war die Hauptstraße eigentlich, die zu Wien geführt hat. Und die Reisenden sind als erstes mal auf den Wienerberg gekommen, haben die Stadt gesehen und dann sehen sie als erstes mal diese Hinrichtungsstätte, fast wie so bei einem Italo-Western. Also Fremder, pass bloß auf, wir schauen auf dich und wenn du nicht unseren Gesetzen und Regeln folgst, dann könntest du auch am Wienerberg enden.-Man muss ja dazu sagen, Hinrichtung ist damals so verstanden worden, also in vormoderner Zeit, als eben Mahnung, Abschreckung, dann natürlich auch als Schauspiel. Je heftiger das Verbrechen, desto heftiger auch die Bestrafung, die zelebriert werden muss. Also bis hin zu, keine Ahnung, das Schlimmste ist halt Königsmord oder der versuchte und dort dann Vierteilen auswaiden, was auch immer. Wir alle kennen das ein bisschen aus Braveheart. Die Hinrichtung eben weithin sichtbar als Symbol der Autorität, als abschreckendes Beispiel. Der Galgen selbst war aber nicht die gesamte Zeit am Wienerberg.-Nein, also es gab natürlich auch Änderungen im Rechtsverständnis. Also die Maria Theresia, die Kaiserin, hat als erstes einmal diesen Galgen versetzen lassen, und zwar 1747. Und zwar aber nicht so aus humanistischen Gründen primär, sondern sie ist ja immer wiederum gereist zwischen Schönbrunn, der inneren Stadt und Laxenburg. Es gab auch das Schloss da draußen. Und dann war halt der Anblick dieser Gehängten recht dekundant und das wollte sie einfach nicht mehr sehen und hat eben den Galgen oder die Richtstätte in die Rossau verlegt, also in den heutigen 9. Bezirk. Ja, da wohnte keiner. Da kann man ruhig in Ruhe die Leute hinrichten. Und für längere Zeit war auch dort der Galgen oder die Hinrichtungsstätte vorhanden. Aber irgendwann hat sich auch die Rossau besiedelt oder wurde besiedelt und da haben sich die Leute aufgeregt und wollten einfach die Gehängten auch nicht ihrer Nachbarschaft haben.-Es ist ja auch unhygienisch.-Nein, es ist unhygienisch, es ist nicht schön. Ja, da hängen auch vielleicht noch Verwandte. Also das ist alles, das muss weg aus der Rossau. Und dann hat man das eigentlich wieder zurück verlegt. Und zwar 1805, also wieder zurück auf diesen alten Richtplatz und weil das dort eben noch nicht so bebaut war wie heute und da konnte man weiterhin Hinrichtungen vornehmen. Und es wurden eigentlich noch 50 Jahre lang oder fast 60 Jahre lang dort Hinrichtungen vorgenommen.-Genau, und das Spannende ist, aber diese Hinrichtungen wurden gerade dann auch noch einmal in dieser letzten Phase zu richtigen Massenveranstaltungen. Wir werden vielleicht gleich auf ein paar berühmte Fälle zu sprechen kommen, aber prinzipiell muss man sagen, da ging es richtig zu. Also es wurden Tribünen aufgebaut. Zehntausende Menschen sind dorthin gepilgert. Es war quasi eine Art Volksfest. Bei den Zuschauern kam es zu Raufereien, zu Trunkenheitsexzessen. Es wurden Würstl vor Ort verkauft. Also es war wirklich quasi eine Art Oktoberfest auf Mordbelustigung. Es ist sogar so weit gegangen, dass Kinder ihre Lehrer gebeten haben, nicht zur Schule in den Unterricht kommen zu müssen, damit sie der Hinrichtung beiwohnen können. Ich habe vorhin von den Raufereien erzählt. Die waren so wild, dass berichtend zufolge bei der letzten Hinrichtung sogar eine Zuschauertribüne zusammengebrochen ist. Also es war wirklich sozusagen fröhlicher Urstand, das goldene Wiener Herz in Aktion. Was waren das aber für Menschen, die dort so hingerichtet wurden?-Na ja, zum Teil waren es Mörder. Ein berühmter Fall war zum Beispiel der Georg Ratkay. Das war der letzte Hingerichte der 1868. So ein berühmt-berüchtigter Tischlergehilfe, der eben seine Vermieterin, die Marie Henke, mit einem Hobel getötet hat. Und eben, wie du es erwähnt hast, dieses Volksfest fand vor allem im Rahmen seiner Hinrichtung statt. Also, wie du es gesagt hast, wirklich ein Mob, der sich dort versammelt hat und eine richtige fesche Gaudi dort hatte, um einen Menschen sterben zu sehen. Also das war sogar den Behörden auch zu viel. Weil die gesagt haben, hallo, so funktioniert moderne Rechtsprechung nicht. Wir wollen ja eigentlich die Leute sittlich erziehen und nicht ihnen Vergnügen bieten. Also, wie du es auch erwähnt hast, diese Deliquenten-Würstel wurden angeboten. Also wahrscheinlich so in Anspielung darauf, dass das arme Würsteln waren, die da gehängt wurden. Also, da wurde immer wiederum ein sehr großes Spektakel inszeniert. Auch zum Beispiel bei dem Fall der Theresia Kandel, die 1809 ermordet wurde oder hingerichtet wurde. Und zwar verurteilt wegen eines Gattenmordes. Und ihr Fall erregte zum Beispiel großes Aufsehen auch, dass sie laut Chronisten ja tapfer und reuevoll starb. Also auch Frauen wurden dort hingerichtet. Also man kannte da keine Scheu. Mord wurde eigentlich wie alttestamentarisch bestraft, also Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ja, und wie schon gesagt, es diente auch der Volksbelustigung. Und im Sinne der Aufklärung hat man Schranken gezogen und hat gesagt, so, das geht nicht mehr. Und hat die Tötung in ruhigere, stillere Orte verlegt. Und es war dann meistens in Justizvollzugsanstalten.-Und ich meine, heute erinnert die Spinnerin am Kreuz mit einer Informationstafel an diese dunkle Vergangenheit. Die Stelle gilt als archäologisch und historisch besonders interessant. Bei Bauarbeiten in den 1920er Jahren wurden immer wieder menschliche Skelette im Umfeld der Triesterstraße, zwischen Raxstraße, Altdorfer Straße und dem Gelände des später errichteten George Washington Hofs entdeckt. Diese Überreste konnten eigentlich eindeutig hingerichteten Personen zugeordnet werden, weil anhand der Wunden einfach, also Strangulationsmale, die Knochen halt dementsprechend. Gebrochenes Genick. Gebrochenes Genick. Und auch in jüngeren Ausgrabungen bestätigt sich dann eigentlich auch südlich des heutigen Wiener Gemeindebaus eine großflächige Grablege mit Gehängten.-Ja, man hat auch die Menschen ja auch nicht würdevoll begraben. Die wurden ja gleich dort verscharrt, waren für Mörder. Und die verdienten einfach kein christliches, ehrenvolles Begräbnis. Und dann wurden sie eben gleich neben den Richtungsstätten eine Grube ausgehoben und sie reingeworfen.-Und so symbolisiert diese Spinnerin am Kreuz natürlich beides. Also einerseits viel Historie. Vieles, was auch in dieser Geschichte hineingelegt wird. Durchaus legitim auch diese positiven Seiten. Aber eben auf der anderen Seite auch 500 Jahre als ein Ort von Justiz, Macht, Tod. Auch vom Wandel von öffentlicher Rachejustiz hin zur historischen Aufarbeitung und einer anderen Form des Justizverständnisses, das wir heute haben.-Ich glaube aber, das muss man den Leuten immer wieder ins Gedächtnis rufen. Es gibt ja nach wie vor noch Vertreter*innen, die für die Todesstrafe eintreten und sagen, hallo, das wäre wirklich eine Maßnahme, um die Menschen von schlimmen Verbrechen abzuhalten. Und dann sollen sie sich mal wirklich das vorstellen, welche Maschinerie da auch in Gang gesetzt wird. Auch psychologisch. Es gibt einen Teil der Menschheit, die haben eine Freude daran, anderen beim Sterben zuzusehen. Und das sollte man eigentlich als moderne Gesellschaft nicht zulassen. Und da muss man auch Schranken setzen.-Und eine neue Verrohung der Gesellschaft nicht zulassen. Ich glaube mit diesen Worten enden wir für heute. Jetzt vielleicht, trotz all dieser makabren Details, die aufgekommen sind. Walter, hast du einen Lieblingsort in der Gegend?-Es ist der George Washington Hof. Das ist ein sehr beeindruckender Gemeindebau nach wie vor. Der kann ja nichts dafür, dass er eigentlich auf einem Leichenfeld gebaut wurde. Und bei dir? -Bei mir würde ich sagen, so makaber es ist, aber gegenüber von der Spinnerin am Kreuz, ist dieser wunderschöne Park mit dem Wasserturm in Favoriten. Im Sommer ganz viele Kulturveranstaltungen. Ein Ort für die ganze Familie heutzutage. Manchmal muss man halt auch die Vergangenheit hinter sich lassen und einfach das Schöne von heute genießen.-Die Leute lieben es eh gruselig. Wenn es harmlos gruselig ist, ist es ja okay, aber nicht in dem Zusammenhang vielleicht.-Mit diesen Worten wollen wir für heute enden. Abonniert den Podcast falls ihr es noch nicht getan habt. Wir freuen uns über positive Bewertungen. Besonders freuen wir uns, wenn ihr den Podcast euren Freundinnen und Freunden empfehlt. Für Anregungen steht euch die E-Mail-Adresse podcast@ma53.wien.gv.at zur Verfügung. Bis dahin verabschieden sich Andreas und Walter.-Leider gibt es zur Spinnerin am Kreuz keine wirklich aktuelle Literatur. So muss man auf die leider schon vergriffene Arbeit von Friedrich Dahm und Manfred Koller, die Wiener Spinnerin am Kreuz, aus dem Jahre 1991 zurückgreifen. Der Band weist eine Vielzahl von historischen Abbildungen des gotischen Baus auf und ist auch leicht im Antiquariat oder über das Netz beziehbar. Einen Überblick über die Geschichte der Todesstrafe kann man sich in dem Buch von Martin Heidinger verschaffen. Von der Guillotine zur Giftspritze. Die Geschichte der Todesstrafe. Fakten, Fälle, Fehlurteile. Erschienen 2007 bei Ecovin. Hier findet man auch Beispiele aus der österreichischen Geschichte und ein klares Postulat, dass Todesstrafe nichts mit moderner Rechtsprechung zu tun hat. Wiener Sagen und Märchen sind das eine. Das andere sind die historischen Hintergründe zu den Geschichten. Und diese behandelt die Autorin Elisabeth Koller-Glück in ihrem Buch Altwiener Sagen und Legenden und ihre realen Hintergründe. Erschienen 2002 bei Sutron. Dort findet man auch die Spinnerin am Kreuz und eine interessante Interpretation. Es wird aber nicht gespoilert. Selber reinschauen.

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